Zitate von Roland Barthes(12.11.1915 Cherbourg - 26.03.1980 Paris) Die Abwesenheit dauert an, ich muß sie ertragen. (...) Die Abwesenheit
wird zur aktiven Praxis, zur GESCHÄFTIGKEIT (die mich hindert, irgend
etwas anderes zu tun); es kommt zur Ausarbeitung einer Fiktion mit vielfältigen
Rollen (Zweifeln, vorwürfen, Anwandlungen von Begierde und Melancholie).
Diese sprachliche Inszenierung hält den Tod des Anderen fern.
Ein buddhistisches koan sagt: "Der Meister hält den Kopf des Schülers unter Wasser, lange, sehr lange; allmählich werden die aufsteigenden Wasserblasen seltener; im letzten Augenblick zieht der Meister den Schüler heraus und läßt ihn wieder zu Atem kommen: wenn du so sehr nach der Wahrheit verlangt hast wie nach der Luft, wirst du wissen, was sie ist."
Die Einsamkeit des Liebenden ist keine Einsamkeit der Person (die Liebe vertraut sich an, sie spricht, sie teilt sich mit), sie ist Einsamkeit des Systems: ich bin der einzige, der sie zum System macht (vielleicht deshalb, weil ich unaufhörlich auf den Solipsismus meines Diskurses zurückgeworfen werde).
Ich begegne in meinem Leben Millionen von Leibern; von diesen Millionen kann ich nur einige Hundert begehren; von diesen Hunderten aber liebe ich nur einen. Der Andere, dem meine Liebe gilt, bezeichnet mir die Besonderheit meines Verlangens.
Das Bild hebt sich heraus; es ist klar und deutlich wie ein Brief: es ist der Brief über das, was mir wehtut. (...)
Ich bilde mir die Utopie eines Subjekts, das der Verdrängung enthoben wäre: ich bin bereits dieses Subjekt. Dieses Subjekt ist anarchistisch: ans Höchste Gute glauben ist ebenso verrückt wie ans Höchste Böse glauben: Heinrich von Ofterdingen ist aus demselben Stoff wie de Sades Juliette.
Eben dieser Preis ist zu entrichten: der Tod des Bildes für mein eigenes Leben. (...) Bei der Trauer des Liebenden ist das Objekt weder tot noch fern. (...) In der ganzen Zeitspanne, die diese merkwürdige Trauer in Anspruch nimmt, muß ich also zwei gegensätzliche Arten von Unglück ertragen: darunter leiden, daß der Andere präsent ist (und mich unwissentlich zu verletzen fortfährt), und darum trauern, daß er tot ist (wenigstens der, den ich geliebt habe). (...)
Die Sprache (das Vokabular) hat set langem die Gleichwertigkeit von Liebe und Krieg herausgestellt: in beiden Fällen handelt es sich darum, zu erobern, zu rauben, gefagenzhunehmen usw. (...)
Auf ein ich-liebe-dich gibt es verschiedene gesellschaftliche Antworten: "ich nicht", "das glaube ich nicht", "warum das aussprechen?" usw. Die wirkliche Zurückweisung aber lautet: "keien Antwort": ich werde um so sicherer für nichtig erklärt, wenn ich nicht nur als begehrender Partner, sondern auch als sprechendes Subjekt abgelehnt werde (als solchem bleibt mir wenigstens die Beherrschung der Formeln); geleugnet wird meine Sprache als letzte Falte meiner Existenz, nicht mein Begehren; was das Begehren angeht, so kann ich warten, stillhalten, es erneut zeigen; aber von der Möglichkeit zu fragen verdrängt, bin ich für immer wie tot.
Daraus ergibt sich eine neue Sicht des ich-liebe-dich. Es ist kein Symptom, es ist Aktion. Ich spreche, damit du antwortest, und die gewissenhafte Form der Antwort (der Brief) bekommt einen effektiven Wert, nach Art einer Formel. Es reicht also nicht aus, daß der Andere mir mit einem einfachen Signifikat antwortet, und sei es positiv ("ich auch"): das angesprochene Subjekt muß sich bereitfinden, das ich-liebe-dich, das ich ihm entbiete, zu formulieren, auszusprechen: Ich liebe dich, sagt Pelléas. - So wie ich dich, antwortet Mélisande. Die drängende Bitte von Pelléas (...) ergibt sich für das liebende Subjekt aus der Notwendigkeit, seine Liebe nicht nur erwidert zu sehen, dieser Erwiderung sicher zu sein usw. (...), sondern das auch bestätigt zu bekommen, mit einem Schlage, ganz, buchstäblich, ohne Ausflucht: keine syntaktische Ausrede, keine Variation: (ich will,) daß die beiden Worte einander ohne Rest entsprechen, Signifikant für Signifikant zusammenfallen (ich auch wäre das genaue Gegenteil einer Holophrase); worauf es ankommt, ist die physische, körperliche, labiale Aussprache des Wortes: öffne die Lippen, damit es hörbar wird (sei obszön). Was ich hartnäckig will, ist: dass Wort bekommen.
Wer nicht ich-liebe-dich sagt (wessen Lippen sich kein ich-liebe-dich entlocken läßt), ist dazu verurteilt, die multiplen, unsicheren, zweifelhaften, kargen Zeichen der Liebe auszusenden, ihre Indizes, ihre "Beweise": Gesten, Blicke, Seufzer, Anspielungen, Ellipsen: er muß sich deuten lassen; er wird von der reaktiven Instanz der Liebeszeichen beherrscht, ist der dienstbaren Welt der Sprache eben darin entfremdet, daß er nicht alles sagt (Sklave ist, wer sich die Sprache beschneiden läßt, wer nur mit Mienenspiel, Gesichtsausdruck, Blicken sprechen kann).
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